Jüdische Intellektuelle wollen Zwei-Staaten-Lösung

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Israelische Siedlungspolitik Jüdische Intellektuelle wollen Zwei-Staaten-Lösung

Bedrohung von außen, Gefahr von innen: Französische Intellektuelle haben an die Vernunft der Israelis appelliert, um das Dilemma zwischen Solidarität und Kritik zu lösen. Eine Zwei-Staaten-Lösung gilt ihnen als Voraussetzung.

06.05.2010, von Joseph Croitoru

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Der Philosoph Bernard-Henri Levy gehört zu den Wortführern der Initiative „Jcall”

© AP Der Philosoph Bernard-Henri Levy gehört zu den Wortführern der Initiative „Jcall”

Der zunehmenden Kritik an der Siedlungspolitik der israelischen Regierung haben sich jüdische Intellektuelle aus Europa angeschlossen. Zu den Wortführern gehören die Philosophen Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut sowie Daniel Cohn-Bendit vom Fraktionsvorstand der Grünen im Europäischen Parlament. Die amerikanisch-jüdische Intellektuellen-Initiative „J-Street“, die sich für eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt engagiert, dient den europäischen Glaubensbrüdern als Vorbild. Dementsprechend heißt ihre Initiative „Jcall“, die trotz ihres englischen Namens bislang vor allem in französischsprachigen Kreisen auf beachtliche Resonanz stößt.

„Jcall“ hat eine Petition veröffentlicht, die unter dem Titel „Appell an die Vernunft“ im Netz steht - ein Dokument der Betroffenheit, geboren wohl aus der frustrierenden Erkenntnis, sich als aufgeklärte jüdische Israel-Freunde mit einem Staat solidarisieren zu müssen, dessen Politik humanen Kriterien längst nicht mehr standhält. So äußern die „europäischen Bürger jüdischer Herkunft“ eingangs ihre Sorge über die Zukunft des israelischen Staates, mit dem sie, so wird betont, „unverbrüchlich verbunden“ sind. Israel ist ihrer Ansicht nach in seiner Existenz zwar von außen gefährdet - damit haben sie wohl Irans Atompolitik im Blick -, doch eine nicht geringere Gefahr stellten die Besetzung, der Auf- und Ausbau der Siedlungen im Westjordanland und den arabischen Vierteln Ostjerusalems dar: „ein moralischer Fehler und ein politischer Irrtum“. Er führe auf internationaler Ebene zu einer Delegitimierung Israels als Staat, was die Autoren als „unakzeptablen Vorgang“ geißeln.

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Entscheidungsvernunft in Frage gestellt

Wie beim amerikanischen Pendant wird auch hier für die Zwei-Staaten-Lösung plädiert. Allerdings geschieht dies mit einer guten Portion Alarmismus, dessen sich vor allem hinsichtlich demographischer Zukunftsprognosen Israels Linke wie auch die Rechte nach Belieben bedient. So sei eine der zwei „katastrophalen Alternativen“, die schon bald den Juden im eigenen Land drohten, der Verlust des Mehrheitsstatus. Ferner würde dort ein Regime entstehen, das Israel „beschämen und die Gefahr eines Bürgerkrieges heraufbeschwören wird“ - auch dies ein unrealistisches Szenario, das den ständigen Rechtsruck in der israelischen Gesellschaft nicht berücksichtigt und das weit eher von der Sorge um das Image Israels als um die Belange der Palästinenser geprägt zu sein scheint.

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Rabbi Tovia Ben-Chorin hat „Jcall” am Montag im Europäischen Parlament vorgestellt

© REUTERS Rabbi Tovia Ben-Chorin hat „Jcall” am Montag im Europäischen Parlament vorgestellt

So gilt es, die „Solidarität der Juden weltweit“ zu mobilisieren, um die Israelis zu ermutigen, die „richtige Entscheidung zu treffen“. Denn besonders viel Entscheidungsvernunft trauen die Verfasser, die sich mit ihrer neuen Bewegung als „Stimme der Vernunft“ betrachten, den Israelis nicht zu. Deshalb soll auf die israelische Regierung - wohlgemerkt aber auch auf die palästinensische Führung - ähnlich wie von amerikanischer Seite nun auch von Europa aus zusätzlicher Druck ausgeübt werden: Der „Appell an die Vernunft“ wurde deshalb gestern dem Europaparlament vorgelegt.

Innerjüdische Aspekte im Vordergrund

Jüdische Organisationen in europäischen Ländern, etwa die Dachorganisation der französischen Juden (CRIF), verurteilten die Intellektuellen-Petition als anmaßend. Diese Kritik wurde in Israels rechten Kreisen gerne aufgegriffen, wo man fast schon reflexartig mit dem Gegenargument der Vermessenheit und Realitätsferne auf jegliche Vorbehalte der jüdischen Diaspora gegen die Siedlungspolitik reagiert. Besonders was Europa anbelangt, wertete ein Kommentator der rechtskonservativen Zeitung „Israel Hayom“ die Petition sogar als direkte Folge des zunehmenden Arabisierungs- und Islamisierungsdrucks auf dem Kontinent.

Hingegen wurde die „Jcall“-Initiative im israelischen linksliberalen Blatt „Haaretz“ begrüßt. Aber auch hier standen eher innerjüdische Aspekte im Vordergrund. Man dankte den europäischen „Friedensaktivisten“ für ihre Kritik und äußerte die Hoffnung, dass sie den durch die israelische Regierung in Europa verursachten Imageschaden zumindest teilweise behebe. Auch der zunehmenden Entfremdung der jüdischen Diaspora vom israelischen Staat, Resultat der ultrarechten Politik der Regierung Netanjahu, könne sie entgegenwirken.

 

Seligmann: Identitätsdebatte als Luxusproblem

Mehr Normalität im Umgang mit Juden, mit dieser Forderung macht Autor Yascha Mounk jüngst von sich reden. Der Publizist und Politologe Rafael Seligmann erklärt im Interview, wie diese Normalität hergestellt werden kann.

DW: Yascha Mounk erzählt in seinem Buch "Stranger in My Own country" über seine Erlebnisse als Jude in Deutschland. Heute lebt er in den USA. Er fordert mehr Normalität im Umgang. Was müssen wir dafür tun?

Rafael Seligmann: Eine Gesellschaft wird nie perfekt sein, solange es Menschen gibt. Wenn ich die Wahlresultate der NPD mit knapp einem Prozent bei der Europawahl ansehe, und mit denen der faschistischen und populistischen Parteien in Ungarn, Griechenland und Frankreich vergleiche, dann ist Deutschland in einer komfortableren Situation. Für mich ist der Umgang von Juden und Nichtjuden miteinander entscheidend, das permanente Gespräch ist wichtig. Ein Beispiel: Als ich 1983 meinen ersten Roman "Rubinsteins Versteigerung" schrieb, war er der erste deutsch-jüdische Gegenwartsroman. Damals hatten alle Angst davor: die Juden, die mich als Nestbeschmutzer bezeichneten, und die Nichtjuden, die dachten, das, was ich schrieb, könnte als Antisemitismus ausgelegt werden. Heute ist deutsch-jüdische Gegenwartsliteratur normal. Es gibt ein gutes Sprichwort: "Nur wenn Du weißt, was mir weh tut, dann liebst Du mich." Der Antrieb, den anderen kennenzulernen, seine Ängste zu ergründen, mit ihm zu sprechen, das ist für mich das Rezept, um Normalität herzustellen.

Sie sind 1957 mit ihrer Familie von Israel nach Deutschland eingewandert. Damals waren Sie zehn Jahre alt. Wie haben Sie das Nachkriegsdeutschland damals erlebt? Wie hat sich das heute gewandelt?

Die sozialen Beziehungen haben sich im Vergleich zu damals normalisiert. Als wir nach Deutschland kamen, erzählten uns die meisten, die bemerkten, dass wir Juden sind - damals wusste man noch, dass der Name Seligmann jüdisch ist -, dass sie Juden gerettet hätten. Man gab vor, Juden zur Ausreise verholfen, sie gewarnt, sie versteckt zu haben. Auf der anderen Seite erlebte ich ständige Vorurteile in der Schule. Das Wort "Sau-Jude" stand auf der Tagesordnung. Weil die Kinder den Antisemitismus der Erwachsenen übernommen hatten. Das ist heute wesentlich besser geworden. Wenn jemand hört, dass ich Jude bin, dann ist das vielen gleichgültig, was ich gut finde. Der eine ist eben Jude, der andere ist Christ, der nächste ist Moslem, der übernächste Buddhist.

Heute sucht man sich andere Ventile, um Vorurteile gegen Juden zu äußern, zum Beispiel übertriebene Israel-Kritik. Da man sich hierzulande nicht traut, Juden zu kritisieren, wird diese Kritik an Israel zum Ausweg, um Unzufriedenheit zu äußern. Auf einem Fest eines Vereins gegen Rassismus wurde ich letztens mehrfach folgendermaßen auf Israel angesprochen: "Ihr Land" und "ihr Präsident", hieß es da. Oder: "Warum bauen Sie Siedlungen? Denken Sie nicht an die Palästinenser?" Ich bin Deutscher.

Was antworten Sie in so einem Fall?

Ich entgegne: Wieso fragen Sie ausgerechnet mich? Wieso interessieren Sie sich unter 53 Staaten in der Region ausgerechnet für Israel? Meiner Meinung nach hat das alles mit etwas anderem zu tun. Die Deutschen haben gelernt, mit den Verbrechen von damals zu leben. Aber mit den heute lebenden Juden ist das schwieriger. Doch die Geschichte hat einen langen Atem und Normalität lässt sich nicht verordnen, und wenn sie verschrieben wird, wirkt sie nicht. Antisemitismus gibt es auf der ganzen Welt. Nicht nur in Deutschland.

Sie sagen, dass Sie Deutscher sind und sehen Deutschland als Ihre Heimat. Wie haben Sie damals Ihre Identität in Deutschland gefunden?

Irgendwann habe ich mir, trotz der Vorurteile, die ich erleiden musste und muss, gesagt: Vorurteile gibt es auf der ganzen Welt. Ich lebe in Deutschland, habe einen deutschen Pass, spreche Deutsch, kenne die deutsche Geschichte und lebe in der deutschen Kultur - daher bin ich Deutscher. Die Identitätsdiskussion, die wir in Deutschland haben und in einem großen Maßstab betreiben, ist ein Luxusproblem. Eines von Wohlstandsländern.

Anfang 2012 haben Sie die Zeitung "Jewish Voice from Germany - Die englischsprachige Brücke zwischen Deutschland und den Juden in aller Welt" gegründet, die sich vorwiegend an ein amerikanisches Publikum richtet. Wie schlagen Sie diese Brücke?

Ich wollte zeigen, dass die deutsch-jüdische Kultur eine Renaissance erlebt. Das Judentum, das wissen die wenigsten Leute in Deutschland, ist Teil der deutschen Geschichte. Heinrich Heine, Albert Einstein, Mendelssohn und unzählige andere - sie waren alle Juden. Die deutsch-jüdische Geschichte ist untrennbar. Im Deutschen gibt es sehr viele Begriffe, die aus dem Hebräischen oder Jiddischen kommen. Die jiddische Sprache besteht zu einem großen Teil aus deutschem Vokabular und wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben. Die wichtigsten Schriften des Zionismus, also der Grundlage Israels, sind von einem österreichischen Juden, Theodor Herzl, in deutscher Sprache geschrieben worden.

Ich möchte mit der Zeitung zeigen, dass Deutschland im Umbruch ist. Das ist keineswegs nur ans Ausland gerichtet. Wir berichten aber auch in Englisch, um es in der ganzen Welt verständlich zu machen. Wir lassen in Amerika drucken, aber seit einem Jahr haben wir auch eine deutsche Ausgabe. Sie erscheint als Teil der Zeitung "Die Welt".

Der Titel Ihrer Autobiografie heißt "Deutschland wird dir gefallen". Würden Sie jüdischen Angehörigen im Ausland empfehlen, nach Deutschland zu kommen?

Selbstverständlich. Genauso wie ich hier Freunden empfehle, nach Israel zu reisen, um sich selbst ein Urteil zu bilden, lade ich auch Freunde aus Israel ein. Egal, ob Juden oder Nichtjuden. Es muss ja an irgendetwas liegen, dass wir nach den Vereinigten Staaten das zweitgrößte Zuwanderungsland sind. Das hat mit Wohlstand zu tun, aber auch mit einer gewissen Toleranz in Deutschland, mit sozialen Maßnahmen, mit dem Zugehen auf Minderheiten. Die Geschichte lässt sich zwar nicht im Zeitraffer beschleunigen, wir müssen an unserer Gesellschaft arbeiten, aber im internationalen Vergleich stehen wir gut da. Wir sollten unsere Erfolge nicht verstecken. In Berlin leben heute 15.000 Israelis. Die kommen offenbar hierher, weil sie sich wohlfühlen. Der Bundespräsident hat vor kurzem in einer Rede im kleinen Kreis gesagt, wir dürfen auf diese Fortschritte durchaus stolz sein. Das gehört auch dazu.

Das Interview führte Ananda Grade

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http://www.vm2000.net/58/strohmeyer/benbassa.html

 

Arn Strohmeyer

Verzweifeln an Israel

Die jüdische Historikerin Esther Benbassa hinterfragt im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt die jüdische Identität

 

(Esther Benbassa: Jude-Sein nach Gaza, Verlag Les éditions du CRIEUR PUBLIC, Hamburg 2010, 12,80 Euro)

 

„Ich bin eine Jüdin ohne Gott und darum ist Israel Teil meiner nicht vorhandenen Religion. Aber ich bin auch in Israel aufgewachsen. Auch deshalb liegt mir an seiner Existenz, auch deshalb muss ich ihm gegenüber kritisch sein. Man kann dieses Land nicht in sich tragen und an seiner Seite bleiben, wenn man es verachtet“, schreibt die Historikerin Esther Benbassa in ihrem neuen Buch. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie kennt und liebt Israel aus eigener Erfahrung. Sie lehrt heute moderne und zeitgenössische Geschichte der Juden an der Sorbonne in Paris.

Aber sie weiß auch, dass ihr Wunsch, sich mit Israel identifizieren zu können, eine Illusion, eine Fatamorgana ist. Denn gleich nach dem oben angeführten Zitat bekennt sie, dass Israels Offensive gegen den Gaza-Streifen 2008/2009, die sie ein „Massaker“, ein „großes Verbrechen“ und einen „Kolonialkrieg“ nennt, alles verändert habe. Etwas ganz Neues sei geschehen: „Es wurde die Scheidelinie überschritten zwischen dem, was ein Jude mit seinem geschichtlichen Hintergrund zulassen kann und dem, was er zurückweisen muss, wenn er möchte, dass sein Jude-Sein eine von Humanität und somit von Universalität geprägte Vision der Welt bleibt.“ Das Verbrechen der Gaza-Offensive habe die Karten völlig neu gemischt.

Esther Benbassas Buch ist ein verzweifelter und entsetzter Aufschrei darüber, in welche Richtung sich Israel entwickelt hat und wie weit es sich vor allem von dem, was die jüdische Ethik seit Jahrhunderten ausmacht, entfernt hat. Die jüdische Ethik ist der Maßstab, an dem sie Israels politisches und militärisches Handeln immer wieder misst und die sie so definiert: „Es ist eine Ethik, die daraus entsteht, das der Mensch einem anderen Menschen mitmenschlich begegnet und die sich auf die Überzeugung von der Zerbrechlichkeit jeglicher menschlicher Existenz gründet. Und auch auf die Überzeugung, dass man dem anderen die Hand zur Versöhnung reichen muss, weil er ja, auch wenn man ihn hasst, nichts anderes ist als man selbst.“

Und sie erinnert an die große Tradition jüdischer Künstler, Schriftseller, Intellektueller, Denker und Gelehrter, die diese Ethik in ihrer universalistischen Version vertreten haben: „Sie bemühten sich, der Welt Sinn zu verleihen und kämpften gegen die Übel, die die Gesellschaft ihrer Epochen quälten. Sie waren Verbündete der Unterdrückten; sie kämpften an ihrer Seite, an der Seite der Armen, der Arbeiter, der Kolonialvölker, der Schwarzen und der Frauen. Wo sind diese Juden jetzt? Hat uns die Gründung Israels denn so sehr von anderen abgeschieden? Hat sie uns in einer Blase eingeschlossen?“

Sie macht einen „irregeleiteten Nationalismus“ für diese Fehlentwicklung verantwortlich - einen blinden Nationalismus, der deshalb so fanatisch sei, weil - so lehre es die Geschichte - Völker, die lange selbst geknechtet gewesen seien und dann ihre Freiheit erlangt hätten, umso brutaler andere Völker knechteten. Und so macht die Autorin die Krise des Judentums in Israel und der Diaspora, soweit diese rückhaltlos hinter Israel steht, an der Haltung gegenüber den Palästinensern fest: „Wie können Juden, deren Vorfahren Verfolgung, Leiden, Exil und Ablehnung erdulden mussten, akzeptieren, dass ein anderes Volk, ganz in ihrer Nähe und ihrem Einflussbereich, ein ähnliches Schicksal erleidet? Wurden diese Juden denn, als sie Israelis wurden, mit Gedächtnisverlust geschlagen, sodass sie sogar die elementarsten Grundsätze der Ethik, auf die sich das Judentum seinem Wesen nach gründet, vergaßen?“

Sie fragt weiter: Wie lässt es sich mit der jüdischen Ethik vereinbaren, dass Israel die Palästinenser, die Ureinwohner Palästinas, die - moralisch gesehen - genauso ein Recht auf Selbstbestimmung und ihren Staat haben wie die Juden, nicht einmal als Menschen ansieht, sondern sie rassistisch mit Tiermetaphern versieht: als „Kakerlaken“ (hebräisch: Djukim), „Heuschrecken“ und „Schlangen“ - oder als „Krebsgeschwür“, das man ausschneiden muss. Oder sie werden mit den Nazis gleichgesetzt, die nur auf die Gelegenheit warten, Israel mit einem neuen Holocaust zu bedrohen.

Die Autorin kann nachvollziehen, dass der Holocaust die Juden der Welt „entfremdet“ hat, aber sie kann nicht verstehen, welche Folgerungen Israel aus diesem Megaverbrechen gezogen hat: „Wenn die beständige Erinnerung an das, was Menschen einander antun können, gerade nach dem Holocaust wichtig und von hohem ethischen Wert ist, wie kann Israel dann ein so inhumanes Verhalten an den Tag legen? Und kann das jüdische Schweigen denn auf ewige Zeiten zudecken, was Israel den Palästinensern antut? Ein entehrendes Schweigen, das im Grunde Verrat übt am Wesen dessen, was Jude-Sein bisher bedeutete. Man wird einwenden, dass es hier um Staatsraison geht, aber welche Staatsraison könnte, von einem wahrhaft jüdischen Standpunkt aus gesehen, einen höheren Stellenwert haben als Ethik? Wir haben jegliches Empfinden für den Anderen, jegliches Erbarmen („Rachmanut“) verloren und nichts hindert uns daran zu tun, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“

Israel zieht also unter Berufung auf den Holocaust die Schlussfolgerung: Wir dürfen alles, für uns gibt es keine Grenzen, uns ist alles erlaubt! Trotzdem oder gerade deswegen glaubt dieser Staat im Besitz der „ewigen Moral“ zu sein, was schon an Hybris grenzt. Israels erste große Sünde in diesem Sinne war der Autorin zufolge der Sechs-Tage-Krieg von 1967, der nach dem Suez-Krieg 1956 Israels „zweiter Eroberungskrieg“ gewesen und der durch nichts gerechtfertigt gewesen sei. Der Ausgang diese Krieges und die anschließende Expansion in fremde Gebiete habe endgültig das Bild eines Staates zerstört, der bedroht sei und um seine Existenz kämpfe.

Die ganz große Sünde sei dann der Gaza-Krieg 2008/2009 gewesen, weil diese Militäraktion sich so gut wie ausschließlich gegen die palästinensische Zivilbevölkerung gerichtet habe, was ein äußerst schwerwiegender Bruch des Völkerrechts gewesen sei. Die Autorin führt auch den Raketenbeschuss der Hamas an, aber angesichts der militärischen Übermacht und der geringen Zahl von Opfern auf israelischer Seite falle dieser kaum ins Gewicht, womit die Aktionen der Hamas nicht gerechtfertigt würden, denn auch sie hätten sich gegen Zivilisten gerichtet. Aber die Gaza-Offensive hat für die Autorin endgültig belegt, dass aus den Opfern des Holocaust Täter geworden sind, die palästinensische Opfer erzeugen, die dann selbst wiederum Täter und Opfer werden.

Aber auch für die Diaspora hat der Gaza-Krieg schwerwiegende Konsequenzen gehabt: „Diese Offensive ließ in der Diaspora neue Mauern entstehen. Sie machte die Kommunikation zwischen den Juden und ihrer Umgebung unmöglich, weil letztere die maßlose Duldsamkeit der Juden gegenüber Israel nicht mehr nachvollziehen konnte. Wer möchte schon hinter solchen Mauern der Verständnislosigkeit leben? Und wie lange sollen wir das noch tun?“

Wenn von Nicht-Juden Kritik an Israels Angriff auf den Gaza-Streifen geübt wurde, nicht nur in Frankreich, sondern auch und gerade in Deutschland, kam von jüdischer Seite sofort der Vorwurf des Antisemitismus. Die Autorin zitiert den Oberrabiner von Frankreich, Gilles Bernheim, der angesichts des mörderischen und zerstörerischen Vorgehens der Israelis in Gaza ernsthaft behauptete: „Zahal [die israelische Armee] geht es nur darum, liebevoll und mutig die Idee von Humanität und Freiheit für alle Menschen zu bewahren.“ Angesichts dieser jeder Realität Hohn sprechenden, zynischen Aussage konstatiert die Autorin: „Der Konservatismus der jüdischen Institutionen in Frankreich wird weder der französischen Gesellschaft noch den internationalen Realitäten gerecht. Diese Haltung speist sich vor allem aus Angst und Schrecken, käut ständig dasselbe wieder und zieht sich Tag für Tag ein wenig mehr in sich selbst zurück. Ein Rückzugsreflex, der eine Form von Diaspora-Nationalismus noch verschlimmert.“ Feststellungen, die sich sicher auch auf viele jüdische Gemeinden in Deutschland anwenden lassen.

Die Autorin spricht angesichts solcher Tendenzen von „politischem Autismus“ - eine Selbstbezogenheit, die sie als äußerst gefährlich für Israel und auch für die Diaspora diagnostiziert. Jüdischen Intellektuellen, die diesen Rückzug auf sich selbst kritisierten, werde sofort „Selbsthass“ vorgeworfen. Abweichende Gedanken würden unter Nachrichtensperre gestellt. Solchen Kritikern werde das Leben äußerst schwer gemacht und es würde alles getan, um ihr Ansehen zu untergraben.

Wie lange, fragt die Autorin an dieser Stelle, werden die Diaspora-Juden Israel noch - koste es was es wolle - verteidigen, ein Land, das die Lage der Juden in der Diaspora durch seine Politik, seine Militäraktionen und Kriege immer schwieriger und unsicherer macht? Wenn Israel ein zentrales Element oder sogar ein „heiliges Ideal“ jüdischer Identität sein soll, muss es sich dann nicht auch Kritik gefallen lassen und notfalls auch für sein Handeln zur Verantwortung gezogen werden? Die Ausstrahlung des Ideals bröckelt aber: „Das zukünftige Israel, das Israel, das die Gaza-Offensive erzeugte oder sichtbar machte, dieses Israel wird nicht mehr lange das verkörpern, wonach die Juden in der Diaspora trachten, und es wird auch in der internationalen Öffentlichkeit bald keine Billigung mehr finden. Ganz offenkundig ist Israel nach der Gaza-Offensive bereits jetzt nicht mehr das, was Juden und Israelis, die sich noch der Propaganda entziehen können, von ihm erwarten.“ In dieser zunehmenden Isolierung Israels sieht die Autorin die größte Gefahr für die Zukunft des Staates. Der Gaza-Krieg sei in dieser Hinsicht vielleicht die letzte Warnung gewesen.

Wie kann Israel aber aus dem selbst verschuldeten Dilemma wieder herauskommen? Zunächst - so die Autorin - muss Israel einen „gerechten“ Preis dafür zahlen, dass die Juden in der Welt und die internationale Gemeinschaft ihre solidarische Verbundenheit mit Israel aufrecht erhalten: Dieser Preis ist ein souveräner palästinensischer Staat, der kein Homeland oder Bantustan nach südafrikanischem Vorbild sein darf. Die Erfüllung dieser Forderung ergibt sich für die Autorin zwangsläufig aus Israels Selbsterhaltungsstreben, denn andernfalls werden sich die Juden [in der Diaspora] von Israel abwenden. Und zweitens ergibt sich die Gründung eines palästinensischen Staates aus der jüdischen Ethik: „Wenn viele Juden nur durch ihre Identifikation mit Israel Juden sind, dann ist Israel verpflichtet, ethisch zu handeln, damit Jude-Sein noch einen Sinn hat. Warum sollte man sonst Jude sein? Um die Schande dessen zu tragen, was Israel den Palästinensern antut, die Schande der Gewalt und der Maßlosigkeit?“

Die Autorin hat aber keine Hoffnung, dass Israel selbst zu einer Lösung des Konflikts fähig und in der Lage ist. Deshalb setzt sie auf Druck von außen, vor allem auf die UNO und - mit Einschränkung - auf die Europäer, aber auch auf die Diaspora, wenn sie denn, wie es sich unter jüngeren Juden in Amerika schon andeutet, langsam umdenkt. Aber sie weiß auch, dass sich ohne ein Ende des Zionismus als israelischer Staatsideologie oder zumindest ein radikales Umdenken in ihm kein Weg aus der Sackgasse ergeben kann . Voraussetzung für eine Lösung wäre auch ein ganz neues Geschichtsbild und das hieße: „...dass es uns gelänge, all diese Ereignisse in unserer Geschichte zu begreifen - die sechs Millionen ermordeten Juden während des Zweiten Weltkrieges, die 850 000 vertriebenen Palästinenser bei der Gründung des Staates Israel, die tausenden palästinensischen und israelischen Toten, die Besetzung der palästinensischen Gebiete im Jahr 1967, die brutale Kolonisierung dieser Gebiete, die Opfer des palästinensischen Terrorismus, die Mauer der Schande, das Massaker an 900 palästinensischen Zivilisten in Gaza im Dezember 2008 und Januar 2009 usw. - dann könnten wir vielleicht auch ein lebensspendendes Judentum entfalten und Israel dabei helfen, von seiner Selbstabschottung zu genesen und aus einer Isolation herauszukommen, die sich mit der Zeit als selbstmörderisch entpuppen könnte.“

Esther Benbassa hat überaus ehrliches, klares und mutiges Buch über Israel und den Nahost-Konflikt geschrieben - ein Buch der Verzweiflung über den gegenwärtigen Zustand Israels und des Judentums. Ihren schweren inneren Konflikt mit ihrer jüdischen Identität beschreibt sie so: „Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel, nicht mit Israel, so wie es heute ist. Und natürlich auch nicht mit Institutionen und Rabbinern, die jedes ethische Gefühl verloren haben und die weiterhin lauthals ihre unwandelbare Unterstützung für Israel verkünden, auch dann, wenn Israel Gaza angreift und damit einen Kolonialkrieg - und keinen Verteidigungskrieg - führt.“

Dieses Buch wird hoffentlich viele Menschen - Juden wie Nicht-Juden - zum Nachdenken bringen und eine neue Einstellung zu diesem scheinbar so unlösbaren Konflikt finden lassen. Die Kraft der Ethik, an die Esther Benbassa immer wieder appelliert, wird dann vielleicht doch Wirkung entfalten.

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http://de.wikipedia.org/wiki/Antizionismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Weltordnung_(Verschw%C3%B6rungstheorie)

http://www.breakingthesilence.org.il/

 

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