Wenig schöne neue Welt

Andreas Brenner, Philosoph Heute, 16. Juli 2014

Gastkommentar zum Cyberspace

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Der Rechtsphilosoph Paolo Becchi reflektiert in seinem Gastbeitrag die Besonderheiten des Cyberspace, welche seiner Meinung nach das Recht herausfordern und es zugleich als weitgehend wirkungslos erweisen (NZZ 16. 6. 14). Denn im virtuellen Raum gelten, wie Becchi feststellt, die Regeln realer Räume nicht. Bereits diese Feststellung müsste eigentlich Grund zur Beunruhigung sein, denn die Regeln der realen Welt sind die einzigen, welche für Menschen von Bedeutung sind. Stattdessen erliegt aber auch Becchi den verbreiteten stereotypen Lobgesängen. Einige dieser Hymnen möchte ich im Folgenden kritisch betrachten.

«Gift Economy»

«Das Internet greift die Marktwirtschaft mit seiner ‹Gift Economy› an.» Diese Aussage trifft (leider) zu. Falsch ist hingegen Becchis Vermutung, mit dem Internet das bessere Wirtschaftssystem zu bekommen, in dem wir irgendetwas geschenkt erhielten. Das Gegenteil ist der Fall: Gratis ist hier gar nichts: Wo wir nicht in Geldeinheiten zur Kasse gebeten werden, zahlen wir mit der Preisgabe unserer – geldwerten – Daten. Und im Unterschied zur herkömmlichen Ökonomie zahlen hier auch die, die gar nicht mitspielen. Die «Gift Economy» hat in ihrer kurzen Geschichte bereits zu einer kulturellen Verwüstung beigetragen; ehrwürdige Enzyklopädien wie die Encyclopaedia Britannica oder der Brockhaus sind durch die «Gratis»-Angebote aus dem Markt verdrängt worden, jetzt stehen Sachbuchverlage und Printmedien auf der Abschussliste. Wenn so «Gift Economy» aussieht, kann man sich fragen, ob das erste Wort dieses neuen Begriffs nicht ein deutsches ist.

Zu den häufig gesungenen Hymnen auf das Internet zählt auch die folgende: «Gerade dank der IT wird die politische Einflussnahme wiederbelebt.» Becchi macht hier eine ganze Reihe von Protesten zu Kronzeugen der vermeintlichen Segnungen des Internets, allen voran den «arabischen Frühling». Diese Proteste beweisen jedoch weniger die revolutionäre Leistung des Internets als vielmehr seine Begrenzung: Das Internet vermag in bisher nicht da gewesener Weise Informationen zu verbreiten und damit eine enorme Mobilisierung zu erreichen, es bleibt aber dennoch vollkommen wirkungslos, wenn die Menschen nicht aufstehen und sich körperlich der Macht in den Weg stellen, sonst bleibt die Revolution rein virtuell, also eine Scheinrevolte. Und was die grossen Provider angeht, so wissen wir seit Edward Snowden, dass die nicht an moralischen, sondern alleine an ökonomischen Werten interessiert sind.

Daher erweist sich auch der nächste Lobgesang als schöner Schein: «Die Protestbewegungen misstrauen den alten Medien. Diese suchen nur nach dem Scoop und blähen Ereignisse auf.» Dass die alten Medien die Ereignisse nur aufblähen, kann man, wenn man einen strengen Massstab anlegt, behaupten. Nimmt man aber die IT-Medien als Mass, dann ist es schlicht falsch: Wenn etwas zu Blasenbildung neigt, dann ist es wohl der virtuelle Raum. Und auch die letzte These Becchis klingt zu schön, um wahr zu sein: «Das Internet hat unseren Alltag positiv zu revolutionieren vermocht.» Dass das Internet unseren Alltag revolutioniert hat, ist unstrittig. Was aber an E-Friendships, E-Debates, pseudowissenschaftlichen Diskursen, die sich aus dem Netz bedienen, und epidemischer Selfie-Sucht positiv sein soll, ist schwer zu erkennen. Eher kann man es genau umgekehrt sehen: Das Internet hat individuell unseren Alltag dessen beraubt, was ihn lebenswert gemacht hat – es hat einen Grossangriff auf kulturelle Errungenschaften eingeläutet.

Ein Gutes hat die Verlustbilanz, welche nach zwei Jahrzehnten Internet-Beschuss zu ziehen ist: Spätestens jetzt kann jeder beurteilen, welchen sozialen und kulturellen Wert er der Zeit vor der neuen Zeitrechnung beimessen will.

Damals, in der grauen Vorzeit vor 1990, ging alles langsam: Beispiel Bücherlesen. Das brauchte seine Zeit. Tage-, ja wochenlang war man beschäftigt, wenn man beispielsweise aus Büchern erfahren wollte, wie man einen Garten anlegt, mit einem pubertierenden Jugendlichen Erziehungsklippen umschifft oder die Ferien in der Provence plant.

Heute gibt es keine Frage mehr, deren Antwort länger als eine halbe Sekunde auf sich warten lässt. Dass uns unser Blitzwissen aber auch blitzgescheit gemacht hat, darf man bezweifeln. Zum Beispiel Freundschaft: Die schrieb sich damals noch wirklich so, mit «eu», wie die berühmte griechische Vorsilbe. Auch sie war nichts für die Schnellen: Nur langsam fand man einen Menschen, mit dem man daran gehen konnte, eine Beziehung auf- und weiterzubauen. Auch weil es so langsam ging, gab es weder die Gefahr noch die Chance, dass daraus die ganz grosse Zahl werden könnte, dazu musste das alte und ehrwürdige Wort erst mit einem schnellen i ausgestattet werden.

Verlorene Intimität

Und wo wir schon beim I angekommen sind, das Beispiel Intimität: Die galt in der grauen Vorzeit den Menschen als das Wertvollste, was sie hatten. Heute gilt sie als das Verdächtigste. Wer nicht alles, was er von sich weiss, ins Internet stellen will oder dagegen opponiert, dass seine E-Briefe von Unbefugten, die aber rechtlich daran nicht gehindert werden, mitgelesen werden, der gilt fast schon als kriminell. Die Beispiele mögen genügen, um klarzumachen, dass die schöne neue Welt, die allenthalben gefeiert wird, wirklich ganz schön neu ist. Schön ist sie deswegen noch nicht.

Andreas Brenner ist Professor für Philosophie an der Universität und der FHNW in Basel.

 

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