Das wichtigste Merkmal der persischen Kultur - wie jeder traditionellen Kultur - ist vielleicht das Bewusstsein, dass das Transzendente in jedem Aspekt des Lebens gegenwärtig ist, was sich nicht nur in sublimen Werken über Metaphysisches und Gotterkenntnis zeigt, sondern auch im alltäglichen Gespräch, bei dem unweigerlich auf Grundsätzlichstes Bezug genommen wird, auf Transzendentes, dessen Allgegenwart stets hervorgehoben wird. Das Unsichtbare, das die Gegenwart des Göttlichen im irdischen Bereich symbolisiert, bildet den allgegenwärtigen Hintergrund, in den alles Sichtbare entschwindet, wie auch das Nichts - das Symbol der "Leere", das die göttliche Fülle darstellt und das Symbol alles Seins bedeutet- alles Körperliche und Erstarrte in der bildenden Kunst auflöst und die Schwere der Materie überwindet.

Das mächtigste Symbol der überirdischen Welt in der persischen Kultur ist das Licht, das Zarathustra, der Prophet des alten Persien, als unmittelbare Gegenwart des Göttlichen auf der Erde verehrte. Auch im erhabenen "Vers des Lichtes" im Koran wird das Licht als göttliches Wesen angesprochen. Es ist nicht nur ein physikalisches Phänomen, sondern behält seine geistige, göttliche Dimension für jene, die in der Welt der traditionellen persischen Kultur leben. Sogar die sinnliche Freude, die der Betrachter eines erleuchteten Raumes empfindet, ist für den traditionsgebundenen Perser untrennbar von der geistigen Freude und dem Bewusstsein der Anwesenheit Gottes und des Transzendenten. Ob es sich um die Verse der Gathas, die Abhandlungen von Sohrawardi - dessen theosophische Schule die Schule der Erleuchtung (eschrtiq) genannt wird - oder um die architektonischen Meisterwerke von Esfahan oder Kaschan handelt, das Licht ist überall der wichtigste Hinweis auf die Anwesenheit des Göttlichen in der materiellen Welt. Die leuchtende Sonne des persischen Plateaus, die die Festigkeit der Dinge schmelzen lässt, bestätigt diese geistige Perspektive und schafft gen Zusammenhang zwischen Natur und Kosmos.....

Kern der persischen Kultur ist ihr geistiger Aspekt. Wir müssen deshalb unsere kurze Reise durch die persische Kulturgeschichte mit der Religions- und Geistesgeschichte des persischen Volkes beginnen. Die Religionsgeschichte kann in drei Abschnitte aufgeteilt werden: die Zeit der alten, arischen Religionen und der örtlichen nicht arischen Kulte, die Zeit der überwiegend iranischen Religionen und endlich' die islamische Epoche. Die erste Periode ist gekennzeichnet einerseits durch örtliche Kulte, die denen in andern Teilen Westasiens glichen, und andererseits durch die arischen Religionen, mit den Gottheiten Mithra und Anahita und mit Kulthandlungen, die denen des frühen Hinduismus ähnelten. Die ausgeprägt iranischen Religionen beginnen mit dem berühmtesten Propheten des alten Persien, mit Zarathustra. Über sein Leben und sogar seinen Geburts- und Todestag wird unter den führenden Gelehrten in Ost und West immer noch diskutiert. Es bestehen jedoch keine Zweifel darüber, dass er eine neue Religion mit einer eigenen metaphysischen, kosmologischen und eschatologischen Doktrin und eigenen Bräuchen eingeführt hat. Die wichtigsten Lehren dieser Religion sind in ihrem heiligen Buch, der Awesta J enthalten, und die Gesänge oder Gathas bilden in einem gewissen Sinn den Kern. Das Ausmaß des zoroastrischen Einflusses auf die Gestaltung der Gesellschaft, des Geisteslebens und der Religion über vierzehn Jahrhunderte ist so tiefgreifend, dass er in keiner Abhandlung über die persische Geschichte vom Beginn der achämenidischen Zeit bis zum Aufkommen des Islams übersehen werden kann.

Die zoroastrische Lehre lieferte die Grundlage für den hierarchischen Aufbau .der achämenidischen wie der sassanidischen Gesellschaft. Sie war die Basis für die individuelle und die kouektive Ethik und das weltanschauliche Gerüst für die Mehrheit der Perser; sie war der Ursprung ihres Glaubens über Anfang und Ende der Dinge und die Beschaffenheit des Universums. Kein Volk, das zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und dem 7. Jahrhundert n.Chr. mit Persien in Berührung kam, konnte sich dem Einfluss der zoroastrischen Lehre entziehen. Besonders das Bild, der Engelswelt und des kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse sowie die lebendige Beschreibung von eschatologischen Begebenheiten prägten Theologen und Philosophen anderer Religionen und Weltan, schauungen nachhaltig. lm griechisch-hellenistischen Altertum war Zarathustri als Weiser und Philosoph, ja sogar als Mathematiker und Alchimist bekannt, wie dies aus einer Vielzahl von griechischen Abhandlungen über die okkulten Wissenschaften, die ihm zugeschrieben worden waren hervorgeht; Noch in 15. Jahrhundertbetrachtete sich der byzantinische Philosoph Gemistos Plethon, der in der Renaissance als erster im Namen Platos Aristoteles kritisiert hatte, als Jünger Zarathustras. ....

... Das reiche religiöse Panorama der persischen Geschichte zeigt einen bemerkenswerten Sinn für Toleranz, der mit einem intensiven Religionsleben verbunden war. Durch seine ganze Geschichte hindurch war Persien ein Zufluchtsort für religiöse Minderheiten. Einige der seltensten Formen christlicher Messen und jüdischer Gottesdienste, die andernorts schon lange verschwunden sind, können in Persien heute noch vorgefunden werden. Der Respekt für die Religion anderer Menschen, wie er durch Kyros, den ersten persischen Kaiser, verkündet und durch Meister wie Rumi in Gedichten erläutert worden war, bildete einen wichtigen Zug des religiösen Lebens der Perser. Die nachfolgenden Verse Rumis haben in der innersten Seele des gläubigen Persers durch die Jahrhunderte widerhallt

Durch ihre äußern Namen nur
sind Menschen unterschieden;
Doch findest du den innern Sinn,
kommst du vom Streit zum Frieden.
Muslime, Juden, Parsen trennt
das Spektrum nur des Scheines ;
Jedoch das Mark der Existenz,
der Wesenskern ist Eines.

Die Philosophie war in Persien eng mit der Religion verbunden. In vorislamischer Zeit waren die Perser durch ihre Weisheit berühmt, und Pythagoras, Plautus und andere Gelehrte reisten nach Persien, um diese Weisheit zu erlangen. Als Justinian 519 die Akademie von Athen schließen ließ, fanden einige der letzten griechischen Philosophen in Persien ein Asyl. Im. vorislamischen Persien war aber die Philosophie nichts anderes als sophta - das Wissen von den göttlichen Ideen, die in ihrer Reinheit nur von der körperlosen Seele geschaut werden -, blieb also immer in der religiösen Tradition geborgen. Persien hat keinen Plato und keinen Aristoteles hervorgebracht; es ,schuf jedoch eine Metaphysik und eine Kosmologie, die zu den tiefgründigsten gehören und nicht nur die Philosophie der alexandrinischen Welt befruchteten, sondern auch noch die islamische Philosophie prägten, die sich vor. allem in Persien drei Jahrhunderte nach dem Aufstieg des Islams entwickelte. .

...Wenn auch die islamische Philosophie die Beiträge verschiedener muselmanischer Völker vereinigt, waren doch die meisten islamischen Philosophen Perser, und Persien ist bis heute die Heimstätte der islamischen Philosophie geblieben. Obwohl Persien in den Anfängen islamischer Philosophie nur eines unter vielen Zentren in der islamischen Welt war, brachte es doch den berühmtesten Philosophen jener Zeit hervor: Ibn Sina (980-1037) - der Avicenna der lateinischen Welt -, der Persönlichkeiten wie Thomas von Aquin und Duns Scotus stark beeinflusste. Als die Philosophie als selbständige Wissenschaft nach Ibn Ruschd oder Averroes (1126-1198) in der westislamischen Welt ausstarb, trugen hauptsächlichzwei Persönlichkeiten zu seiner Wiederbelebung in Persien bei: Sohrawardi, der Meister der Aufklärung ( eschrdq), der das Erbe Zarathustras und Platos im Licht der islamischen Gnosis verband, und Khaadsche Nasir od-Din Tusi (1201-1274), der intellektuelle Riese der mongolischen Zeit, der Philosoph, Mathematiker und Theologe war....

..Auf dem Gebiet der Musik und der Literatur hat die persische Kultur eine tiefe und vielfältige Tradition, die durch die Kulturen anderer Völker und Nationen bereichert worden ist. Die persische Musik ist die einzige noch bestehende Musiktradition, die mit dem heute verlorenen klassischen griechischen System, auf dem Pythagoras seine Philosophie aufbaute, verwandt ist. Die persische Musik geht auf die alte ägyptische Musik zurück, von der sie gewisse Instrumente übernommen hatte. In der sassanidischen Zeit konnte sich die Musik stark ausbreiten. Es wurden Systeme entwickelt, die nicht nur bis in die islamische Epoche bestanden, sondern wegen der Rolle der persischen Musiker am abbasidischen Hof in Bagdad auch die arabische Musik beeinflussten. Im Sudan und in gewissen Gegenden Nord- und Ostafrikas finden sich in der Musikterminologie persische Namen: Die Verwandtschaft zwischen dem Flamenco und der persischen Musik kann auch von einem ungeübten Ohr erkannt werden. Im Osten erreichte diese Musik Indien und den Mogulenhof, und manches nordindische Musikinstrument, etwa die sarangi und die schahnai, besitzt einen persischen Namen.

Die Literatur, wie die Musik, mit der sie eng verbunden ist, bestand schon in der Achämeniden- und besonders in der Sassanidenzeit, als Prosa und Poesie sich entwickelten. Übersetzungen aus andern Sprachen, besonders die Erzählungen von Bidpa}, die aus dem Sanskrit ins Pahlawi übersetzt wurden, bereicherten sie. Erst in der islamischen Zeit jedoch wurde die persische Sprache geboren und durch den Gebrauch der Ausdrucke aus dem Koran und arabischer Wörter gefestigt. In dieser äußerst differenzierten und vielseitigen Sprache entstand bald eine breite Literatur, und es gingen Meister, die voneinander so verschieden sind wie der epische Dichter Firdausi (Ferdosi) und der Mystiker Maulana Dschalal ad-Din Rumi, wie auch philosophische, wissenschaftliche und historische Meisterwerke hervor. Und besonders durch die Verbindung mit dem Sufismus entstanden die unvergleichlichen Meisterwerke der Sufi-Dichtung, die die persische Sprache bis zu den entferntesten Grenzen Indiens und Westchinas und bis zum Ottomanenreich und Albanien bekannt machten. Für viele Jahrhunderte wurde Persisch zur Lingua franca in großen Teilen Asiens und ist bis heute eine wichtige Sprache dieses Kontinents geblieben, eine Sprache, deren Krönung die Sufi-Dichtung ist. Sufi- Verse werden von Turken, Sindhis, Gudschratis und Bengalen wie von Persern, Afghanen und Tadschiken, deren Muttersprache Persisch ist, oft zitiert, Diese große Literatur lässt vielleicht besser als jede andere Kunstform die Rolle . Persiens als Brücke erkennen, als Land, in dem die Einflüsse, die über Jahrtausende aus Ost und West eindrangen, vom Genius eines Volkes in ein Abbild des türkisfarbenen Empyreums, des höchsten Himmels, verwandelt wurden

Das Bewusstsein des Transzendenten, verbunden mit Schönheitssinn und Lebensfreude, bildet den Inhalt der persischen Literatur. Die persische Spiritualität kommt in der Musik, der Baukunst, den Gärten zum Ausdruck. Sie spiegelt sich auch in der Seele seines Volkes. Heute, inmitten großer materieller Veränderung, trachtet es danach, die dauernden Werte und Traditionen zu bewahren, die seine Identität erhalten haben und aus ihm einen Kreuzpunkt der Welten, eine Brücke zwischen Ost und West, machten.

 


Persien::von Rollf Beny, 1979

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