Thomas Bernhard

Thomas Bernhard

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Thomas Bernhard (1987)

 

Nicolaas Thomas Bernhard (* 9. Februar 1931 in HeerlenNiederlande; † 12. Februar 1989 in GmundenÖsterreich) war ein österreichischer Schriftsteller. 1970 erhielt Bernhard den Georg-Büchner-Preis; seit den 1980er Jahren wird er international zu den bedeutendsten österreichischen und deutschsprachigen Autoren gerechnet.

Kindheit und Jugend

Thomas Bernhard wurde als nichteheliches Kind in Heerlen (Niederlande) geboren, wo seine Mutter Herta Bernhard (1904–1950) als Haushaltshilfe arbeitete. Herta Bernhard war die Tochter Anna Bernhards und des Salzburger SchriftstellersJohannes Freumbichler.

Thomas Bernhards Vater war der (wie auch der Großvater) aus Henndorf am Wallersee stammende Bauernsohn undTischler Alois Zuckerstätter. Thomas Bernhard lernte ihn nie kennen. Zuckerstätter wurde, obwohl er die Vaterschaft bestritt, vom Jugendamt als Vater festgestellt; er weigerte sich, Alimente zu zahlen, war bei Nachforschungen oft unsteten Aufenthalts und heiratete später in Deutschland. Seine Tochter Hilda überlebte ihren Halbbruder, erfuhr aber erst kurz vor dessen Tod von seiner Existenz.

Vom Tod seines leiblichen Vaters, der am 2. November 1940 in Berlin[2] durch eine Gasvergiftung starb, wobei man Suizidvermutete, erfuhr Bernhard nichts Genaues: Er vermutete, dass sein Vater mit 43 Jahren in Frankfurt an der Oderumgekommen sei, und erzählte, er habe in der Familie den Vornamen Alois nie aussprechen dürfen. Seine Mutter hat unter der äußerlichen Ähnlichkeit des Kindes mit seinem Vater gelitten und angeblich die einzige Fotografie, die Bernhard von Zuckerstätter besessen haben soll, vernichtet.

Bei den Großeltern

Ab Herbst 1931 lebte Thomas gemeinsam mit seinen Großeltern mütterlicherseits in der Wernhardtstraße 6 im 16. Bezirk (Ottakring) von Wien. Die schlechte finanzielle Situation veranlasste seine Großeltern 1935, gemeinsam mit dem damals 4-jährigen Thomas von Wien nach Seekirchen am Wallersee, ganz in die Nähe des Geburtsortes von Großvater und Vater, Henndorf, zu ziehen.

Die Zeit dort beschrieb Bernhard im Rückblick als die glücklichste seines Lebens. Seine Mutter heiratete 1936 ebenfalls in Seekirchen den Wiener Friseurgesellen Emil Fabjan, mit dem sie zusammen mit ihrem Sohn 1937 nach Traunstein, wenige Kilometer jenseits der Salzburger Grenze in Oberbayern gelegen, übersiedelte.

NS-Erziehung

1941 wurde Bernhard in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim in Saalfeldgeschickt. Man hatte in der Familie das von einer Sozialbetreuerin empfohlene salzburgische Saalfelden, wo er sich erholen sollte, mit dem thüringischen Saalfeld verwechselt. Die in Saalfeld gemachten traumatischen Erfahrungen beschrieb Bernhard in seiner Autobiografie. Ab 1943 war er im NS-Internat „Johanneum“ inSalzburg untergebracht. Hier ermöglichte ihm sein Großvater Violinunterricht bei Georg Steiner, einem Mitglied des Mozarteum-Quartetts. Nach schweren Bombenangriffen auf Salzburg kehrte er zunächst nach Traunstein zurück, erst nach Kriegsende 1945 besuchte er wieder das wie vor 1938 katholische „Johanneum“.

Nach 1945

1946 übersiedelte die ganze Familie von Traunstein in den Salzburger StadtteilAiglhof in die Radetzkystr. 47. Der Großvater setzte sich nachhaltig für eine künstlerische Ausbildung Bernhards ein. 1946 endete seine Schullaufbahn im Salzburger Humanistischen Gymnasium; Bernhard brach die Schule freiwillig ab und absolvierte von 1947 an eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in dem im Keller gelegenen Kolonialwarenladen von Karl Podlaha in der Salzburger „Scherzhauserfeldsiedlung“, einer Armensiedlung. Heute ist der Gang, wo der Laden lag, nach Thomas Bernhard benannt. Er schilderte die Zeit seiner kaufmännischen Ausbildung in Salzburg im autobiografischen TextDer Keller, erschienen im Jahr 1976. Er ging damals, wie er schrieb, „in die entgegengesetzte Richtung“. In seiner Autobiografie bezeichnete er später die Institution „Schule“ als „Geistesvernichtungsanstalt“.

Im Jänner 1949 bekam Thomas Bernhard eine tuberkulöse, nasse Rippenfellentzündung, die ihn beinahe das Leben kostete. Der geliebte Großvater lag zur selben Zeit im St.-Johann-Spital und starb im Februar an akutem Nierenversagen. Die Mutter starb im Herbst 1950 an Krebs.

Literarische Arbeit

Bernhard verarbeitete seine Kindheit und Jugend literarisch in fünf autobiografischen Werken: Die UrsacheDer KellerDer AtemDie Kälte und Ein Kind.

 1950 veröffentlichte Bernhard unter dem Pseudonym Thomas Fabian[8] die Kurzgeschichte Das rote Licht, – damit begann seine lebenslange schriftstellerische Karriere. Der Tod und die Relativierung aller anderen Werte angesichts der steten Bedrohung durch ihn wurden in seinen Werken zu einem der wichtigsten Motive. Seine Romane, die Autobiografie und ein Gedichtband tragen Titel wie In hora mortisFrostDie KälteVerstörung und Auslöschung.

Es gab in seinem Leben, wie er sagte, zwei für ihn „existenzentscheidende“ Menschen: seinen Großvater, der ihm den Sinn für die Philosophie, für das „Höchste, Allerhöchste“ mitgegeben und der ihm MontaigneSchopenhauer oder Pascalnähergebracht hatte, und seinen „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek. Mit ihr verband ihn bis zu ihrem Tod 1984 eine innige Beziehung und Freundschaft.

1951 hatte die um 37 Jahre ältere Frau ihn während seines von 1949 bis 1951 dauernden Aufenthalts in derLungenheilstätte Grafenhof in St. Veit im Pongau in der dortigen Kirche singen gehört und fünf Jahre später auch persönlich kennengelernt. Die „Tante“ wurde für ihn zunächst zur Förderin, führte ihn in die Wiener Gesellschaft ein und unternahm mit ihm manche Reise. Ihren Tod verarbeitete er in dem Roman Alte Meister. Eine Komödie als den Tod der Frau des Protagonisten. Dort bezeichnete er sie auch als seinen „Lebensmenschen“, dem er „alles zu verdanken“ habe.

Während der 1950er Jahre arbeitete er als Journalist (u. a. von 1952 bis 1955 als freier Mitarbeiter bei dersozialdemokratischen Tageszeitung Demokratisches Volksblatt) und war gleichzeitig als freier Schriftsteller tätig. Im Salzburger Mozarteum nahm er Unterricht in Schauspielkunst und Dramaturgie und in Musiktheorie bei Theodor W. Werner.

Im Jahr 2009 entdeckte der Cheflektor des Suhrkamp-Verlags ein bislang unbekannt gewesenes Manuskript eines Vortrags Bernhards am 9. November 1954 in Salzburg. Darin drückt Bernhard seine Bewunderung für Arthur Rimbaud aus; er schreibt, Rimbaud sei „keusch und tierhaft zugleich“ gewesen. Dies ist die früheste bekannte Äußerung Bernhards zu seinem Selbstverständnis als Autor sowie zum staatlichen Kulturbetrieb; er verhöhnt darin einen „Herrn vom Kulturamt“, der sich bei Dichterlesungen wichtigtuerisch vor den Autor schiebt.

Thomas Bernhard, der 1957 mit Lyrik, dem Gedichtband Auf der Erde und in der Hölle, auftrat, fand schließlich seinen unverwechselbaren Stil in der Prosa sowie im Drama. In seinen oft verschachtelten Sätzen meint man die Atemlosigkeit, unter der er infolge seiner Lungenkrankheit vielfach zu leiden hatte, zu verspüren. Seine 'Erregungen', seine innere Wut, die Ausdruck immer wieder erlittener Verletzungen und Enttäuschungen sind, kommen in den Monologen seiner Theaterfiguren und den Gedanken seiner Ich-Erzähler in den Prosatexten immer wieder zum Vorschein.

Auf dem Tonhof des Komponisten Gerhard Lampersberg in Maria Saal kam Bernhard in Kontakt mit Schriftstellerkollegen wie H. C. ArtmannChristine Lavant, dem jungen Peter Turrini und Wolfgang Bauer, aber auch mit dem MalerHundertwasser und anderen Künstlern. Lampersberg und seine Frau hegten ihm gegenüber später ambivalente Gefühle, die sich anlässlich der Veröffentlichung von Holzfällen zu einer offenen Feindschaft entwickelten. 1984 erwirkte Lampersberg, den Roman seines ehemaligen „Schützlings“ gerichtlich zu beschlagnahmen, da er sich in der Figur des Auersberger wiedererkannte.

Prägend für Bernhards Entwicklung als Schriftsteller war die Zeit, die er in frühester Kindheit bei seinem GroßvaterJohannes Freumbichler verbracht hatte, dazu das Gefühl, von seiner Mutter alleingelassen, ungeliebt, unerwünscht zu sein, vom Vater verleugnet. Dazu kam ein schweres Lungenleiden und später das „Boeck-Besnier-Schaumann-Syndrom“ Morbus Boeck, in dessen Verlauf es zu einer dilativen Cardiomyopathie, einer „Herzerweiterung“, kam.

In einem seiner anfangs selten gewährten Interviews erläuterte Bernhard 1970 in einem Filmgespräch Ferry Radax an drei Tagen den Einfluss seines persönlichen Lebenshintergrundes auf sein Werk.

Vierkanthof und Kaffeehaus

Von 1965 an lebte Bernhard, wenn er nicht in Wien bei der als Tante und seinem „Lebensmensch“ bezeichneten Hedwig Stavianicek oder auf Reisen war, in Obernathal (Gemeinde Ohlsdorf (Oberösterreich)). Das Preisgeld des Bremer Literaturpreises, den er für seinen Roman Frost erhalten hatte, ermöglichte ihm im selben Jahr über den Realitätenhändler(= Immobilienmakler) Hennetmair die Anzahlung zum Kauf seines Vierkanthofes. Bernhard beschrieb diesen Vorgang eingehend in seinem posthum erschienenen Band Meine Preise sowie in Andeutungen im Roman Ja.

Bernhard liebte es, neben der Schreibarbeit ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen. Bekannt ist Bernhard auch für seine Leidenschaft für Kaffeehäuser, die er vor allem in Wien, wo das „Café Bräunerhof“ sein Stammcafé wurde, Gmunden und Salzburg häufig aufsuchte und die ihm bald zur „zweiten Wohnstube“ wurden.

Tod

Ende November 1988 erlitt Bernhard eine Lungeninfektion. Sein Halbbruder Peter Fabjan, in Gmunden niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, betreute ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch zu diesem Zeitpunkt bereits rund zehn Jahre. Am 12. Februar 1989 starb Thomas Bernhard in seiner Gmundner Wohnung schließlich an Herzversagen.

Am 16. Februar wurde er im Grab seines „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek auf dem Grinzinger Friedhof[11] in Wien beerdigt. Bernhard wurde wunschgemäß nur in Anwesenheit der engsten Angehörigen beigesetzt. Die Öffentlichkeit sollte erst nach der Beerdigung von seinem Tod erfahren, was nicht ganz gelang. Sein Grabstein ist mehrfach beschädigt und die Grabtafel gestohlen worden.

Gesamtwerk

Viele Romane und Erzählungen Bernhards bestehen zum Großteil oder zur Gänze aus Monologen des Ich-Erzählers und einem fiktiven stummen oder beinahe stummen Zuhörer oder Schüler, wie zum Beispiel dem fiktiven Erzähler Franz-Josef Murau und seiner Schülerfigur Gambetti im späten Hauptwerk Auslöschung. Anlässlich einer häufig überspitzt und grotesk dargestellten Alltagssituation oder einer von ihm selbst konstruierten philosophischen Frage referiert der Ich-Erzähler seine Sicht der Dinge. Auch in Bernhards Dramen findet sich häufig eine ähnliche Konstellation.

Bernhard spielt bevorzugt mit den Stilmitteln der Suada, der monologisierenden Rede, der Polemik und des Kontraintuitiven. In den Prosawerken erzielt Bernhard eine Distanzierung von den Tiraden des Monologisierenden, indem er sie den stillen Zuhörer sozusagen aus zweiter Hand wiedergeben lässt. Einschaltungen wie „sagte er“, „so Reger“ etc. sind kennzeichnend für den Stil Bernhards.

Die Monologisierenden sind nicht selten Wissenschaftler, durchweg – um Bernhards eigene Terminologie zu verwenden – „Geistesmenschen“, die in langen Schimpftiraden gegen die „stumpfsinnige Masse“ Stellung beziehen und mit ihrem scharfen, geradezu (selbst-)zersetzenden Verstand alles angreifen, was dem Österreicher traditionell „heilig“ ist: den Staat selbst, den Bernhard gerne als „katholisch-nationalsozialistisch“ bezeichnet; anerkannte österreichische Institutionen wie das Wiener Burgtheater, allseits verehrte Künstler etc.

Bernhards Stärke sind kategorische Behauptungen, das Absolutsetzen jeder Aussage durch seine Hauptfiguren. Kennzeichnend für die Monologe seiner Protagonisten sind Ausdrücke wie „naturgemäß“, „alle“, „nichts“, „immer nur“, „fortwährend“, „durchaus“ etc. Von vornherein schalten sie mit Sätzen wie „darüber gibt es doch gar nichts zu diskutieren“, „da kann man sagen, was man will“ u. ä. jeden möglichen Einwand aus.

Ein besonderes stilistisches Merkmal von Bernhards Prosa ist eine Technik der Steigerung, der Übertreibung, des sich Hineinsteigerns beziehungsweise des sich Versteigens in fixe Ideen, was jeweils sehr kunstvoll durch eine Wiederholungstechnik orchestriert wird, in der zum einen bestimmte Themen, Versatzstücke und abfällige Bezeichnungen mit hoher Frequenz wiederholt (aber immer auch leicht variiert) werden und dabei – gerade wenn der Leser denken mag, das sei nicht mehr möglich – zudem nochmals gesteigert werden. Diese Technik Bernhards erinnert an Kompositionsmethoden der Barockmusik und der seriellen Musik, diese Passagen sind oft komische Höhepunkte der neueren deutschsprachigen Literatur.

Bernhards Texte sollten aber nicht nur als gallige oder komische Ergüsse gegen alles und jeden gelesen werden. Zudem darf man nicht – auch wenn dies mitunter verlockend erscheint – derselben Versuchung wie ein Großteil der mittlerweile äußerst umfangreichen Bernhard-Forschung erliegen und das bernhardsche Werk allzu biographisch lesen: Zwar gibt es zahlreiche Parallelen zwischen den Protagonisten und Bernhard, doch handelt es sich immer um Rollenprosa. Es geht in den Romanen immer auch um die Tragik, die Vereinsamung, die Selbstzersetzung eines Menschen, der nach Vollkommenheit strebt. Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Vollkommenheit der Kunst sowie ihre Unmöglichkeit, da Vollkommenheit den Tod bedeutet.

Dass für den ihm geneigten Leser trotz einiger Voraussetzungen dazu nicht der Eindruck einer billigen Selbsterhöhung eines Größenwahnsinnigen mittels der Erniedrigung aller anderen entsteht, ist einerseits Bernhards sprachlicher Virtuosität, andererseits seinem Humor zu verdanken. Für seine Schriften hat er eine Sprache entwickelt, die gekonnt elegant mit der Wiederholung von Wörtern beziehungsweise Wortgruppen sowie mit langen, oft kompliziert verschachtelten Sätzen operiert. Bernhards Werke haben eine große melodische Wirkung, weshalb sie sich auch besonders gut zur Rezitation eignen.

Zudem sind seine Werke meist, verglichen mit anderer avantgardistischer Literatur, gut verständlich, da Bernhard philosophischen Passagen stets alltägliche, oft geradezu banale Betrachtungen gegenüberstellt, wodurch er ihnen – und gleichzeitig den Sprechern, die sie hervorbringen – ihren allzu großen Ernst nimmt.

In seinen Werken lässt sich Bernhard immer wieder über die „bessere Gesellschaft“ Wiens und Salzburgs aus, die er oft mit ätzender und schmähvoller Kritik überzieht. Österreich beschrieb er gern als Land der Spießer, wobei er die Verhältnisse in finstersten Tönen schilderte. Dabei trägt er seine Kritik in stets wiederkehrenden Monologen vor, was auf viele besonders verächtlich wirkt. Viele Personen des öffentlichen Lebens, aber auch zahlreiche Bekannte Bernhards, fühlten sich parodiertoder verunglimpft. All dies bewirkte, dass viele seiner Veröffentlichungen und Theaterpremieren Skandale und Tumulte auslösten.

Einen Impetus zu „gesellschaftlicher Aufklärung durch Schreiben“ kann man in Bernhards Texten einerseits noch ausmachen, wo „die Sprachnot bestimmter gesellschaftlicher Gruppen“ sich als „gesellschaftlicher Allgemeinzustand verabsolutiert, in einem Gefüge von Tautologien, einem sinnlosen ‚Unterhaltungsmechanismus‘ geopferten absurden Satzleichen und subjektiven Erfahrungen eines moribunden gesellschaftlichen Chaos […] artikuliert“.[13] Andererseits „steht Bernhards gesamtes Werk im lähmenden Bann eines verzweifelten Bemühens, den metaphorisch im Bild des Todes gefaßten Niedergang des Individuums zu kompensieren“, der nicht inszeniert wird „als eine rational einsehbare, konkret geschichtliche Notwendigkeit, die etwa die Voraussetzung für eine gesellschaftliche Höherentwicklung wäre“, sondern „als eine ontologische Gegebenheit, die naturwüchsig auf eine totale, tödlich endende Katastrophe hin angelegt ist“.

Neben all dieser harten Kritik an den bestehenden Verhältnissen gibt es in seinem Werk viele berührende und radikal ehrliche Momente. Diese finden sich vor allem in seinen autobiographischen Werken Der KellerDer AtemDie KälteEin KindDie Ursache. Sie sind eine gute Einführung und Erklärung für sein gesamtes Werk. Hier beschreibt Bernhard Demütigungen, die er in der Kindheit erlebt hat (als Bettnässer hatte ihm die Mutter das uringetränkte Leintuch unter die Nase gerieben und dann am Balkon aufgehängt), und die für ihn überlebensnotwendige Bindung an den Großvater. Hier spricht er auch über die alles prägende Lungenerkrankung, durch die er schon als 18-Jähriger ein „Sterbezimmer“ eines Krankenhauses erleiden musste. Dorthin wurde er von Ärzten geschoben, die in Kürze mit seinem Ableben rechneten. Als ein nasser Lappen knapp neben seinem Gesicht heruntergefallen war, entschied er sich, seinen ganzen Willen darauf zu konzentrieren, zu überleben.

Wirkung

Bernhard provozierte vor allem in seiner österreichischen Heimat immer wieder heftige Kritik, viele seiner Aufführungen wurden von publikumswirksamen Skandalen überschattet, die Politik, Boulevardpresse und Kunstbetrieb gleichermaßen in Atem hielten. Die in seinen Texten beschriebene Abneigung gegenüber Österreich[15] löste regelmäßig heftige Gegenreaktionen aus, die Kronen-Zeitung und populistisch agierende Politiker forderten lauthals Aufführungsverbote und die Ausbürgerung Bernhards – der pauschale Vorwurf des „Vaterlandsverräters“ und „Nestbeschmutzers“ war schnell zur Hand. Chauvinistischekleinbürgerliche Geister erhitzen sich an der wenig konfliktscheuen und leicht narzisstischenPersönlichkeit Bernhards, der nicht davor zurückscheute, die Pauschalvorwürfe seiner Literatur öffentlich zu wiederholen. Die öffentliche Entrüstung steigerte den Buchabsatz Bernhards erheblich, durch die täglichen Schlagzeilen wurde er schnell bekannt.

Der erste Vorfall, der Bernhard in die Schlagzeilen brachte, war der sogenannte Staatspreis-Skandal, der am 4. März 1968 im Wiener Unterrichtsministerium seinen Ausgang nahm: Bei der Verleihung der Staatspreise für das Jahr 1967 hielt Bernhard eine Dankesrede, in der es u. a. hieß: Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt […] Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Das Leben Hoffnungslosigkeit, an die sich die Philosophien anlehnen, in welcher alles letzenende verrückt werden muss. Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozess der Natur der Größenwahn-Sinn der Zukunft.

Diese Dankesrede löste einen der vielen Skandale aus, die auch einen Teil von Bernhards Ruhm ausmachen.  Durch die Reaktion des Unterrichtsministers Theodor Piffl-Perčević sowie durch dessen Laudatio fühlte sich Bernhard seinerseits brüskiert. In zahlreichen Artikeln und öffentlichen Stellungsnahmen verbreiteten der Autor und sein Verleger Siegfried Unseld ihre Sicht des Geschehens;[16] dies wiederum löste Reaktionen von staatlicher Seite aus.  So wurde der Festakt zur Verleihung des Anton Wildgans-Preises an Bernhard abgesagt. Bernhard verarbeitete dieses Geschehen in seinen Büchern Wittgensteins Neffe und Meine Preise.

1972 kam es bei der Uraufführung seines Stückes Der Ignorant und der Wahnsinnige im Rahmen der Salzburger Festspiele zum Bruch mit der Festspielleitung, weil Bernhard am Ende der Aufführung absolute Dunkelheit verlangte und selbst die Löschung des Notlichts forderte. Die feuerpolizeilichen Bestimmungen ließen dies jedoch nicht zu, was Bernhard aber nicht zu vermitteln war.

Im September 1985 musste er sich anlässlich der Uraufführung des Schauspiels Der Theatermacher (zu dessen Hauptmotiven ebenfalls das Löschen des Notlichts zählt) bei den Salzburger Festspielen vom damaligen FinanzministerFranz Vranitzky in Anspielung auf die Kultursubventionen vorwerfen lassen, „sich unter Einstreichung guter Steuerschillinge die eigene Verklemmung über dieses Land vom Leib zu schreiben“.

Die Skandale mit der größten Publikumswirksamkeit waren der um seinen 1984 veröffentlichten Roman Holzfällen sowie der um das Drama Heldenplatz, das er zum 50. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an NS-Deutschland geschrieben hatte.

Zum letzten Mal sorgte Bernhard nach seinem Tod im Februar 1989 mit seinem Testament für Aufregung, in dem er ein allgemeines Aufführungs- und Publikationsverbot aller seiner Werke innerhalb der Grenzen Österreichs verfügt hatte. Jedoch erlaubte sein Universalerbe Peter Fabjan Ausnahmen, so dass ab 1999 Neuinszenierungen von Bernhards Dramen möglich wurden. Zuvor war schon die weitere Aufführung bereits im Spielplan befindlicher Bernhard-Inszenierungen gestattet worden, was vor allem dem Wiener Burgtheater unter seinem damaligen Direktor Claus Peymann, das zum Zeitpunkt von Bernhards Tod (1989) vier Bernhard-Stücke im Repertoire hatte, zugutekam. Die meisten seiner Stücke wurden unter der Regie Peymanns uraufgeführt, zwischen dem Theatermann und dem Autor bestand zeitlebens eine spannungsvolle Freundschaft.

Das von ihm verfügte Aufführungsverbot seiner Stücke in Österreich wurde mit der Gründung der Thomas Bernhard-Privatstiftung durch Peter Fabjan aufgehoben. Bernhards Forderung, mit der er „jede Einmischung“ und „jede Annäherung dieses österreichischen Staates“ gegenüber seiner Person und seinem Werk verboten hatte, wird in den öffentlichen Veranstaltungen dadurch Rechnung getragen, dass diese ohne die Patronanz und ohne Anwesenheit von Politikerprominenz stattfinden.

Unter dem Einfluss der Arbeit Bernhards stehen und standen viele deutschsprachige Literaten und Künstler. Einer der wenigen bekennenden Bernhard-Verehrer war der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, der Ende der 1970er Jahre seine Alter Ego-Figur „Hagenbuch“ stilistisch ganz offen auf Bernhards Kunst, Figuren in verschachtelten Gedankensprüngen erzählen zu lassen, begründete. Ebenso stellt neben den sehr intensiv dargebotenen Bühnenfiguren, den Themen, der Gedankenführung und Sprache des Kabarettisten Georg Schramm schon der Titel seines seit 2005 aufgeführten Programms „Thomas Bernhard hätte geschossen“ den direkten Bezug zu Bernhards Werk her.

 

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