Johann Nestroy

Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy (* 7. Dezember 1801 in Wien; † 25. Mai1862 in Graz) war ein österreichischer DramatikerSchauspieler und Opernsänger (Bass). Sein Werk ist der literarische Höhepunkt des Alt-Wiener Volkstheaters.

 
                                                                                                                                                                                               

Kontroversen um seine Werke 

Als Schauspieler war Nestroy ein origineller, humoristischer Charakterzeichner, als Bühnenautor wandte er sich mit derbem Realismus gegen Tragik und Sentimentalität der Romantik. Seine Stücke zeichnen sich durch eine scheinbar oberflächliche Handlung aus, die immer wieder durch Gesangsstücke, sogenannte Couplets, unterbrochen wird. Diese Lieder, mit einer eingängigen Melodie und einfachen Texten, waren mit der Handlung meist nur durch einige Übergangsworte verbunden. Es wurden nur zwei bis drei Strophen des Couplets niedergeschrieben, alle weiteren Strophen improvisierte der Sänger jede Vorstellung. Mit seinen gelungenen Improvisationen eckte Nestroy häufig bei den stets anwesenden Zensurspitzeln an – schon sein erstes Engagement im Brünn musste er deswegen abbrechen und auf Polizeibefehl die Stadt verlassen.

In der Rolle des Johann (Zu ebener Erde und erster Stock) bekam Nestroy einmal wegen seines Extemporierens fünf Tage Arrest, weil er während der Vorstellung auf seinen Feind, den Kritiker Franz Wiest, anspielte und dabei vom eingereichten Textbuch abwich:

„Auf dem Tisch wird Whist gespielt – ’s ist merkwürdig, dass das geistreichste in England erfundene Spiel den gleichen Namen mit dem dümmsten Menschen von Wien hat. 

Das Publikum reagierte teils mit frenetischem Beifall, teils mit Zeichen der Missbilligung darauf. Sogar die Auslandspresse, wie die Dresdner Abend-Zeitung vom 20. Oktober 1835, berichtete darüber und nahm für den beleidigten Journalisten Stellung.

Bei der Uraufführung von Eine Wohnung ist zu vermieten am 17. Jänner 1837 im Theater an der Wien kam es zu einemTheaterskandal, als Nestroy in der Spießersatire allen Gesellschaftsschichten vom bürgerlich-saturierten Mittelstand bis zu den präpotenten Hausbesorgern einen Spiegel vorhielt und die dadurch Getroffenen – also den Großteil seines Stammpublikums in den Vorstadttheatern – gegen sich aufbrachte. Nestroys beißende Kritik an Spießbürgertum und Heuchelei wurde als „witz- und gehaltloses Machwerk“ bezeichnet und nur dreimal gespielt.

In den Jahren vor der 1848er Revolution betrat der Künstler die Bühne einmal mit Semmeln anstatt von Hemdknöpfen. Zu dieser Zeit waren die Bäcker in Verruf geraten, da die Semmeln nur halb so viel wogen wie zwanzig Jahre zuvor, aber das Gleiche kosteten. Wegen Verhöhnung eines Berufsstandes musste er eine Nacht in Arrest verbringen und sich am nächsten Tag öffentlich entschuldigen. Bei der für die nächste Aufführung befohlenen Entschuldigung sprach er den Arrestwärtern seinen Dank aus, weil sie ihm Semmeln durch das Schlüsselloch der Zelle gesteckt hätten. Dieses Ereignis wird die Semmelanekdote genannt. 

Auch bei der Uraufführung von Die Anverwandten am 25. Mai 1848 im Carltheater, einer politischen Komödie, die sich nach dem Stück Martin Chuzzlewit von Charles Dickens mit der bürgerlichen Revolution auseinandersetzte, kam es zu einem Skandal wegen der auf die Frankfurter Nationalversammlung anspielenden Verse:

„Gar mancher is als Wähler für Frankfurt ’nein g’rennt,
der außer d’ Frankfurterwürsteln von Frankfurt nichts kennt.“ 

In Sprechchören forderte das Publikum Nestroy auf, öffentlich für das verfehlte Stück Abbitte zu leisten. Nestroy gab nach und schickte einen Kollegen an die Rampe, der der empörten Menge seine Entschuldigung mitteilen musste.

 

Als Direktor Carl Carl 1848 aus seinen Schauspielern eine „Theaterkompanie“ bildete, die er mit großem Pomp und Musik ausrücken ließ – bewaffnet waren sie mit Säbeln und anderen Objekten aus dem Theaterfundus –, standen an der Ferdinandsbrücke über denDonaukanal Scholz und Nestroy ebenfalls martialisch gerüstet auf Wache. Tatsächlich war dies von Carl als gigantisches Reklamespektakel für sein Theater geplant worden und hatte auch großen Publikumszulauf. Eine zeitgenössische Schilderung berichtete:

„Am 20. April sah man einen dichten Menschenknäuel sich über die Ferdinandsbrücke die Jägerzeile hinabwälzen; es waren die Tausende Wiens, die ihre Lieblinge Scholz und Nestroy im Waffenschmuck erblicken wollten. Da standen die beiden, Nestroy, der schlanke Recke, umgürtet mit dem Schwerte Kaspars des Thorringers, an seiner Linken Scholz, festgepflanzt auf seine kurzen dickem Beinen, im Antlitz die martialische Miene des Tyrannen Sakribandos.“ 

1850 führte Zwölf Mädchen in Uniform bei der Neujahrsvorstellung zu einem handfesten Skandal, der noch den ganzen Jänner in den Zeitungen widerhallte. In der Folge suchte der Journalist und Hauptgegner Nestroys, Moritz Gottlieb Saphir, sogar um Polizeischutz gegen Nestroys Angriffe an, da dieser sich während der Vorstellung, in der gezischt worden war, ans Publikum wandte und extemporierte: „Sicher ist Herr Saphir da!“

Nestroys Witterung für alles Widerspruchsvolle, Vieldeutige in der menschlichen Natur, seine Gabe, gerade die gebrochenen Gestalten darzustellen, machten ihn zum Erben Laurence Sternes und stellten seine Bühnenpsychologie neben die eines Oscar Wilde und George Bernard Shaw. Karl Kraus war ein großer Verehrer Nestroys, rezitierte viele seiner Stücke, besonders die weniger bekannten, in Lesungen und widmete ihm zum 50. Todestag 1912 den EssayNestroy und die Nachwelt. 

Ehrungen 

 

 

Nestroy starb am 25. Mai 1862 in seinem 61. Lebensjahr in Graz und wurde zunächst auf dem Währinger Ortsfriedhofbeigesetzt. Am 22. September 1890 wurde er in einEhrengrab am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32 A, Nummer 6) umgebettet, ohne dass die dort ebenfalls bestattete Marie Weiler auf dem Grabstein erwähnt wurde. Die heute zu sehende Inschrift wurde erst 2004 angebracht.

1872 wurde in Wien Penzing (14. Bezirk) die Nestroygassenach ihm benannt, im gleichen Jahr auch die Nestroygasseim 2. Bezirk Leopoldstadt, sowie 1932 der Nestroyplatz in der Leopoldstadt (dort liegt auch das Jugendstilgebäude Nestroyhof).

Beim Haus Praterstraße 17 steht an der Abzweigung der Zirkusgasse seit 1983 ein vonOskar Thiede geschaffenes Denkmal für Johann Nestroy. Es stand ursprünglich seit 1929 auf dem Nestroyplatz, später beim Reinhardt-Seminar im 14. Bezirk.

Der Johann-Nestroy-Ring und der Nestroy-Theaterpreis wurden ebenfalls nach ihm benannt.

Viele von Nestroys Stücken gehören heute zum Standardrepertoire der deutschsprachigen, insbesondere der österreichischen Theater. Nestroys Werke stehen auch regelmäßig auf dem Programm einiger Sommerbühnen, unter anderen der Nestroy-Spiele Schwechat, der Nestroy-Spiele Liechtenstein und der Festspiele Reichenau.

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Nestroy

 

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